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Taxi Times D-A-CH - Juni 2016

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ANTRIEB WIR MÜSSEN

ANTRIEB WIR MÜSSEN REDEN. ÜBER SELBSTFAHRENDE AUTOS Werden wir Taxifahrer bald durch Roboter ersetzt? Sascha Bors hat sich zu diesem Thema seine Gedanken gemacht. Wir Taxifahrer und -Unternehmer, ja wir alle, die wir unser Geld mit der Beförderung von Personen (und sogar Sachen) verdienen, sind ein quirliger Haufen Leute, die ihren Berufsstand zu Recht loben und mit Stolz gegen allerlei Angriffe von außen verteidigen. Seit gut hundert Jahren werden wir von allerlei anderen schief angeschaut und zu Unrecht beschuldigt, einen trivialen Job zu machen. Im Gegensatz zu diesen Anfeindungen wissen wir wohl, dass dem nicht so ist. Sicher mögen einige Leute außer uns in der Lage sein, ein Auto zu steuern, aber spätestens wenn es um den Umgang mit den Kunden geht, muss so mancher Streithansel aus dem Elfenbeinturm eingestehen, ja eigentlich doch nicht so wirklich mit uns tauschen zu wollen. Wie viele Dienstleister arbeiten wir für einen gelinde gesagt lächerlichen Lohn, opfern uns auf für unsere Arbeit und werden am Ende doch nur an dem gemessen, was die Presse wieder über die paar schwarzen Schafe aus der Branche zu berichten hat. Und nun, seit sicher zehn Jahren, der immergleiche Warnruf aus verschiedenen Richtungen: „Die selbstfahrenden Autos werden euch obsolet machen!“ Ja, die ersten Meldungen zum Thema stammen sogar schon aus den 90er-Jahren. Und wir hatten bis jetzt immer gute Gründe, das wegwischen zu können, und die Geschichte hat uns recht gegeben. Aber ich fürchte, auf Dauer werden wir das nicht mehr können und diese Dauer ist vielleicht kürzer, als uns lieb ist. Lasst mich klarstellen: Ich will hier keinesfalls als Untergangsprophet auftreten und auch ich gehöre zu denen, die gefühlsmäßig davon ausgehen, dass doch wenigstens der deutsche Gesetzgeber konservativ genug ist, das Thema noch ein paar Jahrzehnte vor sich herzuschieben. Aber wenn wir aus dem immer noch andauernden Kampf gegen Uber etwas gelernt haben sollten, »Die selbstfahrenden Autos werden euch obsolet machen!« dann, dass es trotz aller lieb gewonnenen Routine eben nicht so ist, dass Geschichte einfach endet, wie es Francis Fukuyama 1992 nach dem Ende des Kalten Krieges öffentlichkeitswirksam und trotzdem falsch postuliert hatte. Ich bereue meine Ortskundeprüfung nicht, verwende aber trotzdem zum Finden neuer Adressen hier und da ein Navi oder das Internet. Und die verschiedensten elektronischen Helferlein im Auto machen mir übermütiges Driften hier und da unmöglich. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten von uns sich inzwischen mit Digitalfunk oder Vermittlungsapps angefreundet haben. Sicher: All das war nicht unser Untergang. Aber wer aufmerksam verfolgt hat, wie in den letzten Jahren massive Fortschritte bei der autonomen Fortbewegung gemacht wurden, sollte zugeben können, dass die Durchsetzung der Technik keine Frage des Ob, sondern des Wann sein wird. Und ja, vielleicht sind wir Taxifahrer aufgrund der vergleichsweise hohen Personalkosten eher die Ersten als die Letzten, die von dieser Welle erfasst werden. BRANCHE IN AUFRUHR Ebenso wie derzeit noch die Elektroautos werden auch die Selbstfahrenden am Anfang teuer sein. Da derzeit aber gut und gerne 50 Prozent der Taxikosten für die Fahrer draufgehen, wäre bei den geringen Margen der Unternehmer unter Umständen schon beim doppelten Fahrzeugpreis über selbstfahrende Autos nachzudenken. In Realität natürlich erst etwas später, weil man natürlich die Installationskosten entsprechender Systeme mit einpreisen müsste. Dennoch: Auch wenn sich sicher noch lange Zeit ein Unbehagen gegenüber fahrerlosen Autos halten wird: Alleine, dass ein relevanter Teil des Marktes Anbietern dieser Form der Personenbeförderung zufallen würde – gegebenenfalls vielleicht als Mietwagen mit niedrigeren Preisen –, wird unsere Branche in Aufruhr versetzen, alles umwälzen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Und ja: Das wird sehr bald passieren! 22 JUNI / JULI / 2016 TAXI

ANTRIEB Autonomes Fahren – wie hier mit dem Google-Auto realisiert – wird unsere Branche in Aufruhr versetzen, alles umwälzen und keinen Stein auf dem anderen lassen. Ich hab den Konservatismus des Gesetzgebers eingangs erwähnt, aber seien wir ehrlich: Sobald in anderen Ländern die ersten Statistiken raus sind, wie viel weniger Unfalltote es gibt, wie viel weniger Beschwerden, wie viel weniger Finanzaufwand das macht … man muss wohl nicht schwarzmalen, um zu begreifen, wie schnell unsere ohnehin zerstrittene Lobby am Ende in der Luft zerrissen wird. Und auch wenn ich damit ungefähr 110 Prozent der Leute in unserem Gewerbe auf die Füße treten werde: Ja, in Sachen Sicherheit wird uns die Technik bald den Rang ablaufen. Ich bin, wie wir alle, auch davon überzeugt, der beste Autofahrer überhaupt zu sein, aber auch ich hab schon mal todmüde eine Schicht beendet oder gestartet, war mal unaufmerksam, hab mich mal aus Routine gehen lassen. Am Ende ist immer alles gut gegangen, aber wenn ich mir eine mehrfach redundante Software vorstelle, die immer gleich wachsam ist und im Falle von Funktionsausfällen automatisch zur Werkstatt fährt oder das Auto abstellt, dann muss ich doch eingestehen, dass in genau dieser Überschätzung wohl der größte Fehler liegt. Und nicht vergessen: Das Thema wird uns nicht erst ereilen, wenn autonome Fahrzeuge in allem und überall perfekt sind! Es reicht schon aus, dass sie besser sind als wir, und so weh mir das auch selber tut: Das ist ein Unterschied! REICHT ES BIS ZUR RENTE? Und dieser Unterschied könnte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte bedeuten. Glaubt nicht, ich hätte nicht auch die lustigen YouTube- Videos gesehen, in denen Roboter und selbstfahrende Autos an Kleinigkeiten scheitern. Ich hab darüber genauso gelacht wie ihr alle. Trotzdem hab ich ein Smartphone für 200 Euro im Taxi, das mir mehr hilft, als es mein 15 Kilo wiegender Gaming-PC aus dem Jahr 1999 für mehr als 5 000 Mark können würde. Ich möchte nicht als der nächste Francis Fukuyama in die Geschichte (Hihi!) eingehen: Ich weiß nicht, was das für die Branche insgesamt oder für jeden Einzelnen von uns Taxifahrern bedeuten wird. Vielleicht schaffe ich noch als ganz klassischer Kutscher mit leicht eingeschränktem Geschäftsfeld die 25 Jahre bis zu meiner kaum existenten Rente. Vielleicht muss ich den Job in fünf Jahren wegen Kundenmangels an den Nagel hängen. Wie eingangs erwähnt: Prophetentum liegt mir nicht. Allerdings würde ich inzwischen vermutlich den meisten jungen Anwärtern davon abraten, sich wie ich nur einen P-Schein als Zukunftssicherheit zuzulegen. Und gerade weil die meisten von uns den Job so mögen und ihn – wie ich auch! – gerne weiterempfehlen, denke ich, dass ein Nachdenken und Reden über dieses Thema notwendig ist. Jetzt. Nicht erst, wenn es zu spät ist. FOTOS: Sascha Bors, Michael Shick/wikipedia.de Der Berliner Taxikollege Sascha Bors – genannt Sash – schreibt über seine Erlebnisse als Nachtfahrer, mal ironisch, mal ernüchternd – immer menschlich. Sascha Bors ist vielen Lesern durch seine beiden Blogs „gestern-nachtim-taxi.de“ und dem etwas privateren „sashs-blog.de“ bekannt. Außerdem ist er der Autor des Buches „Gestern Nacht im Taxi“, mit dem er letztes Jahr den Amazon- Autorenpreis gewann. In Taxi Times beschreibt er seine besondere Sicht auf das Taxigewerbe. Wird der Beruf das Taxifahrers gerade abgeschafft? Taxi Times Kolumnist Sascha Bors meint, dass es ihn noch eine ganze Weile geben wird. TAXI JUNI / JULI / 2016 23

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