Aufrufe
vor 4 Jahren

Taxi Times D-A-CH Oktober/November 2016

  • Text
  • Uber
  • Taxis
  • Oktober
  • November
  • Taxifahrer
  • Taxibranche
  • Fahrer
  • Berliner
  • Taxameter
  • Berlin
  • Dach
  • Einzelseiten

TAXI INTERNATIONAL EIN

TAXI INTERNATIONAL EIN TREFFEN IN DER HÖHLE DES LÖWEN »Wie sieht die Zukunft aus der Sicht der Genehmigungsbehörden aus?« Die brennende Frage wurde dieses mal im »Uber-Land« erörtert. In diesem Jahr fand die 29. Hauptversammlung der International Association of Transportation Regulators (IATR) in San Francisco statt. In der „Höhle des Löwen“, wie Matt Daus, der Präsident des IATR, es ausdrückte. Mitten in „Uber-Land“ und in einem Bundesstaat, der offen für Experimente ist, beispielsweise mit App- Genehmigungen und GPS-Taxametern im gesamten Bundesstaat. Nächstes Jahr wird Austin (Texas) Gastgeber der Konferenz sein. Die Region, aus der Uber zu Beginn des Jahres verbannt wurde. „Ihr Uber wartet draußen auf Sie“, lockten die großen Poster am Flughafen. Willkommen in San Francisco! Stattdessen beschloss ich, ein Taxi zu nehmen. Der Fahrer mit Kapuze, die seinen Kopf vollständig bedeckte, blieb hinter dem Lenkrad sitzen und machte keine Anstalten, mir zu helfen. Was meinen Sie damit – Probleme mit der Qualität in der Taxibranche? Sein Unternehmen, eigentlich DeSoto, wurde nach dem Namen einer App umbenannt – Flywheel – und das Taxi war im Rot der App lackiert. Der Fahrer sprach nur, um zu erklären, wie sein integriertes Flywheel-Terminal (Kommunikationszentrum, GPS-Taxameter, Kartenlesegerät, Navigation und Zahlungssystem – alles in einem) funktioniert. „Alles, was man braucht, in einem Kästchen.“ Wie sah er die Taxibranche in San Francisco? „Ich gebe der Sache noch ein Jahr, dann sind sämtliche Taxiunternehmen pleite. Uber und Lyft haben alles übernommen.“ „KEINE JOBS UNTERHALB DER ARMUTSGRENZE“ Die bemerkenswerteste Rede kam von der Hauptrednerin Patricia Gatling, einer ehemaligen Beauftragten für Menschenrechte von New York City und Ministerialdirektorin für Menschenrechte beim Gouverneur des Bundesstaates New York. In ihrer starken Präsentation erinnerte sie das Publikum daran, wie wichtig es ist, wirklich jedem Zugang zu öffentlichen Transportmitteln anzubieten – ohne Einschränkungen. Nicht nur Menschen mit eingeschränkter Mobilität, auch Menschen, die in Teilen der Stadt wohnen, in denen es nicht überall Zugang zu Taxis, Uber-Fahrzeugen oder anderen Verkehrsmitteln gibt. Und auch für Menschen ohne Kreditkarte. Sie betonte, dass die gesamte Transportbranche einen Beitrag »Ich gebe uns noch ein Jahr, dann sind sämtliche Taxiunternehmen pleite. Uber und Lyft haben alles übernommen.« Taxifahrer in San Francisco zum Umweltschutz leisten müsse, dass sämtliche Branchensegmente ordnungsgemäßen Vorschriften unterliegen müssen und warnte vor der Schaffung von Jobs unterhalb der Armutsgrenze mit geringen oder gar keinen Sozialversicherungskosten – wie es Uber und Lyft praktizieren. Ein beeindruckendes Argument für die Schaffung gleicher Bedingungen und ordnungsgemäßer Vorschriften für das gesamte Beförderungssystem. Leider hat sich mehr als die Hälfte der US- Bundesstaaten unter dem Druck der von Uber & Co. gut finanzierten Lobbyisten- Maschinerie bereits für eine großzügigere Regulierung von Apps der Transportation Network Companies (TNCs) auf bundesstaatlicher Ebene entschieden. Da die Bundesstaaten für diese Aufgabe nicht gerüstet sind, werden Taxis und (einige) Mietwagen (FHV) immer noch strikter reguliert. Was sind die Schlüsselelemente für die Aufsichtsbehörden von heute? Sicherheit ist ein wichtiger Punkt, da viele Städte sich für einen aus Schweden kopierten „Vision Null“-Ansatz hinsichtlich Sicherheit im Straßenverkehr entscheiden. Und darüber hinaus: besserer Zugang zu jeder Form des Transports in jedem Teil der Stadt, nachhaltigere und effizientere Formen des Transports, mit denen die Elemente Taxi, Mietwagen und TNCs zu neuen Formen des öffentlichen Verkehrs verbunden werden wie Bridj und Chariot. In Städten wie Boston, Kansas City und San Francisco sind diese frei kombinierbaren, appgesteuerten Formen des Mikrotransits der neue öffentliche Transport. MaaS – Mobility as a Service – wurde als neuer und innovativer, abonnementbasierter Ansatz gefeiert, der den Vorschriften einer Plattform unterliegen sollte. TNCS SIND KEINE „FAHRGEMEIN- SCHAFT“ Oder wie ein Redner es ausdrückte: „Nur innovativ zu sein, reicht nicht. Ist der Transport sicher und erfüllt er unsere Anforderungen? Und – wenn wir die Vorschriften für die Taxibranche betrachten – welche Regeln brauchen wir wirklich? Im Idealfall sollten Taxis den öffentlichen Nah- FOTOS: Wim Faber Hauptversammlung des IATR: in diesem Jahr in San Francisco, der Geburtsstadt von Uber, im nächsten Jahr in Austin, Texas, der Stadt, aus der Uber verbannt wurde.

TAXI INTERNATIONAL verkehr unterstützen. Leider ist die Taxibranche in San Francisco sehr fragmentiert.“ Dennoch betrachtete San Francisco die eigenen Vorschriften für die Taxibranche mit kritischem Blick und kam zu dem Schluss, es gebe eine Menge an „totem Holz“, das entfernt werden könne. Weniger Vorschriften könnten sich zugunsten der Taxibranche auswirken wie Beispiele in Seattle und Washington DC zeigten. Professor Susan Shaheen (über die in diesem Jahr in der Taxi Times International bereits ein Artikel erschienen ist), beschäftigt sich seit 20 Jahren mit öffentlichem Transport. Sie sagte, dass „TNCs keine Fahrgemeinschaften sind, denn es handelt sich um bezahlte Fahrten. Wir verwenden unterschiedliche Ausdrücke und es ist höchste Zeit, sie neu zu definieren. Die Transportwelt ändert sich rasch, insbesondere wenn wir gemeinsam genutzte und mit dem Internet verbundene Fahrzeuge betrachten. Ich möchte die Taxibranche ermutigen, sich über die Zukunft und die Rolle, die sie spielen kann und will, Gedanken zu machen. Die neue Mobilität ermöglicht es uns, die Stadt neu zu organisieren und sie lebenswerter und nachhaltiger zu gestalten.“ Taxis sollten mehr gemeinsam genutzt werden – wann immer dies gesetzlich zulässig ist. Kate Toran: „Wir sollten unsere eigenen Vorschriften für die Taxibranche kritisch betrachten. Werden sie wirklich gebraucht?“ QUER DENKEN Es gibt vieles, worüber die Aufsichtsbehörden und die Taxibranche nachdenken müssen. „Wer sind wir, die Aufsichtsbehörden? Verfügen wir beispielsweise über einen Verhaltenskodex?“, fragte Tom Drischler, ehemaliges Mitglied der Aufsichtsbehörde Los Angeles, der von seinem Posten als IATR-Vizepräsident zurücktrat. „Wie gestalten wir die Zukunft als Aufsichtsbehörden? Häufig sind unsere Vorschriften zu streng und gelten nicht für alle Transportformen gleichermaßen.“ Blair Davies, der für die Taxibranche sprach (australischer Taxiverband ATIA), sagte: „Wir müssen quer denken, uns Fragen über einige der Vorschriften und Praktiken unserer Branche stellen.“ Genau das hatte Dwight Kines (Transdev), Vertreter der Taxicab »Ich möchte die Taxibranche ermutigen, sich über die Zukunft und die Rolle, die sie spielen kann und will, Gedanken zu machen.« Limousine und Paratransit Association (TLPA) gemeint, als er sagte, seine Taximitglieder arbeiteten fleißig an einem neuen Geschäftsmodell, das teilweise an das der TNCs angelehnt ist. Warum sollte man zu Hauptgeschäftszeiten keine TNC-Fahrer in die unternehmenseigene App aufnehmen und so bessere Qualität, eine wettbewerbsfähigere Preisstruktur, besseres Marketing und günstigere Zentralen anbieten?“ FLUGHÄFEN UND GPS- TAXAMETER Zwei äußerst interessante Sessions fanden leider gleichzeitig statt: Die Vorschriften für TNCs an Flughäfen und der Einsatz von GPS-Taxametern – Apps, die den Fahrpreis auf der Grundlage der GPS-Koordinaten errechnen. Große Flughäfen in den USA haben Uber & Co. bereits als zusätzliche Einnahmequelle aus Gebühren akzeptiert und ihnen Raum geschaffen. Was die GPS-Taxameter betrifft, so beobachten die US-Messtechniker das Experiment von Flywheel mit GPS-Taxametern sehr genau. Die Suche nach Helen Chapman: „London hat bald die grünste Taxiflotte der Welt.“ Susan Shaheen der Universal- App, einer App, die verschiedene Arten der Personenbeförderung bedient und dem Nutzer verschiedene Optionen anbietet, war der letzte Punkt auf der Tagesordnung. Aber vorher hatten lokale Genehmigungsbehörden die Möglichkeit, einen Einblick in die Situation vor Ort zu gewähren. Kate Toran hatte sich ihre Taxivorschriften in San Francisco angesehen und fragte sich laut, warum wir den Transport überhaupt regulieren. Antwort: Wegen der Sicherheit, Zugänglichkeit, Beständigkeit, des guten Dienstes am Kunden und zur Korrektur eines nicht perfekten Markts. Tracey Cook (Toronto) beschrieb den tumultartigen Weg, den ihre Stadt gegangen war, um die TNCs schließlich trotz wütender Einsprüche aus der Taxibranche zu regulieren. Helen Chapman schilderte die jüngsten Maßnahmen, die auf Betreiben von Sadiq Khan, dem neuen, taxifreundlich gesinnten Bürgermeister von London, ergriffen wurden: Sprachtests für Fahrer von Mietwagen (Uber), Terminals für Kartenzahlung und kontaktloses Bezahlen in Taxis (diesen Herbst), Änderung des berühmten Ausbildungskurses „Knowledge“ zu einer offiziellen und formellen Ausbildung, mehr Taxistände in der Stadt und später – ab 2020 – das grünste Taxi der Welt, wenn die Londoner Innenstadt eine Zone mit ultrageringen Emissionen wird. Um der Taxibranche einen sanften Übergang zu ermöglichen, stehen 65 Millionen Pfund (ca. 72 Millionen Euro) zur Verfügung. Jenny Teo aus Singapur sagte, das Aufkommen der TNCs sei für Pendler von Vorteil, die während der Rushhour kein Taxi bekommen. Mit sieben Taxiunternehmen und 28 000 Taxis ist der Stadtstaat bereits gut mit Taxis versorgt. Im nächsten Jahr brauchen alle Mietwagen eine offizielle Genehmigung und müssen strikte Regeln befolgen. Teo schloss: „Ich tue alles, damit Taxis und TNCs harmonisch zusammenarbeiten. (Gelächter). Wünscht mir Glück.“ Zurück zum Flughafen nehme ich ein Taxi. Was sonst? Dieser Fahrer war das genaue Gegenteil des Fahrers, der mich bei meiner Ankunft abgeholt hatte: freundlich, interessiert, informativ. Natürlich sprachen wir über Uber & Co. „Ja, sie machen die Branche kaputt. Vom Flughafen hätten Sie mit Uber 30 Dollar bezahlt. Bei mir kostet es 42. Aber nicht jeder ist von Apps und privaten Fahrern begeistert.“ wf Matt Daus: „Wie sieht die Zukunft aus Sicht der Genehmigungsbehörden aus?“ TAXI OKTOBER / NOVEMBER / 2016 31

TaxiTimes D-A-CH