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Taxi Times DACH - 1. Quartal 2022

FAHRZEUGE E-KLASSE: ALS

FAHRZEUGE E-KLASSE: ALS TAXI A. D. Das Taxi und die Mercedes-Benz E-Klasse werden in Zukunft nicht mehr in einem Atemzug genannt, denn die nächste Baureihe der E-Klasse wird es nicht mehr als Taxi geben. Das hat für regen Unmut und Enttäuschungen im Taxigewerbe gesorgt. Wenn ein Schwabe sich verabschiedet, sagt er gewöhnlich „Ade“. Ein Lebewohl oder auch„Auf Wiedersehen“. Doch genau solch ein Wiedersehen wird es für die Taxiunternehmer nicht mehr geben, wenn der schwäbische Automobilbauer im Jahr 2023 seine neue E-Klasse auf den Markt bringt. Die Limousine der Baureihe W 214 wird dann kein werkseitiges Taxipaket mehr bekommen. Diese Entscheidung wirft ein vielschichtiges Warum auf und sie hinterlässt den Makel, dass Mercedes-Benz mit der Art und Weise seines Taxi-Rückzugs von der E-Klasse einen Scherbenhaufen hinterlässt. Publik wurde die Entscheidung des Konzerns Ende Februar. Nicht etwa durch eine Mitteilung der Unternehmenskommunikation, sondern vielmehr durch verschiedene Informationsschreiben der Mercedes-Niederlassungen an deren Taxikunden. „Wir werden die E-Klasse (Limousine und T-Modell) bis Ablauf dieses Modells nicht mehr als Taxi anbieten“, schrieb beispielsweise die Münchner Niederlassung. „Das Nachfolger-Modell der W/S 214 wird 2023 auf den Markt kommen, aber nicht mehr mit Taxiausstattung/ Taxirabatt bestellbar sein.“ Sinngemäß ähnlich hatten auch andere Niederlassungen ihre Taxi-Kunden darüber in Kenntnis gesetzt. Konkrete Gerüchte dazu kursierten schon rund zwei Wochen vorher, weshalb die Taxi Times-Redaktion mit der Mercedes-Benz- Pressestelle Kontakt aufgenommen hatte. Die Antwort ließ zunächst ein paar Tage auf sich warten und war dann ziemlich unkonkret: „Wir befinden uns derzeit in der Sondierungsphase für ein neues Mercedes-Benz-Pkw-Taximodell. Bitte haben Sie aber Verständnis, dass wir uns dazu nicht äußern, solange keine Entscheidung gefallen ist.“ Während also seitens der Unternehmensspitze noch gemauert wurde, wussten die Händler schon konkreter Bescheid. „Die Mercedes-Benz AG hat beschlossen, ‚Das Taxi‘ bei der E-Klasse mit dem neuen Modell in 2023 einzustellen. Auch die Taxiversion der B-Klasse wird im Rahmen der Modellpflege (‚Facelift‘) im kommenden Jahr eingestellt“, verriet eine Mainzer Niederlassung. Die widersprüchlichen Aussagen zeigen, dass die Händler bereits konkrete Infos hatten, aber die Unternehmenskommunikation die Information offenbar noch nicht mitteilen wollte. Dabei war die Absicht der Händler gar nicht einmal primär, das Aus der künftigen E-Klasse mitzuteilen, sondern vielmehr auf das Auslaufen der aktuellen Modellreihe hinzuweisen. Die Niederlassungen mussten ihre Taxikunden über einen Bestellstopp informieren – und darüber, dass recht kurzfristig mit Ende des Monats Februar auch die bisherige günstige Finanzierung mit 2,9 Prozent effektivem Jahreszins wegfällt. Lediglich vereinzelte Ausstellungs-, Vorführ- oder Händlerfahrzeuge stünden bei der E-Klasse-Limousine noch zur Verfügung, bestätigte im Nachgang auch der Konzern auf Nachfrage von Taxi Times. REAKTIONEN AUS DEM TAXIGEWERBE Aufgrund dieser Konstellation wurde aus dem geplanten leisen Abschied eine Scheidungsankündigung mit einem lauten Knalleffekt. Über die sozialen Medien fanden die Infobriefe der Niederlassung eine schnelle Verbreitung und eine Meldung auf der Taxi Times-Website wurde extrem häufig geklickt, empfohlen und von anderen Printmagazinen zitiert. Die Reaktionen der betroffenen Taxiunternehmer waren denn auch hochemotional. Es wirkte für viele, als würden sie nach lebenslanger Ehe plötzlich den gepackten Koffer vor die Türe Spätestens seit dem /8 war das Taxi gleichbedeutend mit Mercedes. Die Baureihe W 123 hatte den Ruf des Unzerstörbaren. FOTOS: Daimler AG 6 1. QUARTAL 2022 TAXI

FAHRZEUGE Mit dem Auslaufen der aktuellen Baureihe wird der W213 als das letzte Mercedes-Benz E-Klasse Taxi in Erinnerung bleiben. (Im Bild ein Modell vor Facelift) gestellt bekommen. „So wird die Treue belohnt“, übte sich der Taxiunternehmer Hans-Herbert Brunett in Sarkasmus, während Markus Schmid bedauerte, dass Tradition den Traditionskonzern offenbar nicht mehr interessiere. „Ich bin absolut enttäuscht“, schrieb Andreas Waldenburger: „Jahrelang haben wir die neuesten Modelle gekauft und somit Werbung gemacht. Ich war immer sehr zufrieden mit dem Service und der Qualität.“ Manch einer hat diese Entwicklung auch schon kommen sehen: „Das Ganze verwundert mich nicht“, schreibt ein Unternehmer. „Habe vor längerer Zeit ein Interview mit dem MB-Boss Hr. Ola Källenius gelesen. Inhalt war, dass MB sich nur noch um die Premiumfahrzeuge kümmern möchte, da die Gewinnmargen in diesem Segment höher sind als bei den Massenfahrzeugen.“ Unter dem Pseudonym „Daimler 201“ ergänzt dazu ein weiterer Betroffener: „Die folgen ihrem Leitsatz ‚Das Beste oder Nichts‘ jetzt zu 100 % konsequent. ‚Das Beste‘ war wohl zu aufwendig, also gibt’s jetzt ‚Nichts‘“. Das Phänomen des E-Klasse-Taxis ist das Ergebnis einer jahrzehntelang gewachsenen Beziehung. Ein Taxi hat eine ganz andere Anforderung an seine Robustheit und Lebensdauer. Es fährt im Vergleich zu Privatwagen ein Vielfaches an täglichen Kilometern. Im Innenraum wird nicht nur die Fahrerseite genutzt, sondern Beifahrersitz wie Rückbank werden dauerhaft strapaziert. Es benötigt eine Reihe zusätzlicher Peripheriegeräte wie Taxameter oder Dachzeichen, die mit der fahrzeugseitigen Elektronik kompatibel sein müssen. Ein Taxi darf auch nicht ausfallen, also muss es entweder schnell repariert sein oder man bekommt für die Dauer des Werkstattaufenthalts ein Ersatztaxi zur Verfügung gestellt. Für all diese Anforderungen hat Mercedes ganz besonders in der E-Klasse jahrzehntelang eine nötige und verlässliche Qualität geliefert. Das war für den Konzern natürlich immer sehr aufwendig, trotzdem war es für beide Seiten die klassische Win-win-Situation. Es gibt seit vielen Jahrzehnten einen Spruch: Wenn du mal Mercedes fahren willst, dann fahr Taxi. Jede Taxifahrt ist auch eine Werbefahrt für das Modell. Mercedes hat diesen Doppelnutzen jahrzehntelang verstanden. Warum man das jetzt so ignorant über Bord wirft und warum das nun plötzlich alles zu teuer sein soll, wird von den Taxiunternehmern und Fahrern nicht verstanden. Der Zorn und das Unverständnis blieben auch den Medien nicht verborgen. Rund vier Tage nach Bekanntwerden des Rückzugs griff die „Wirtschaftswoche“ das Thema erstmals auf, kurz danach folgten so ziemlich alle großen Nachrichtenmagazine und Portale. Der „Spiegel“ nannte mit Blick auf die unklare Kommunikation von Mercedes-Benz Taxi Times als Referenzquelle. Zu diesem Zeitpunkt mussten alle Medien noch darauf hinweisen, dass vonseiten des Konzerns keine Stellungnahme vorlag. DAS OFFIZIELLE AUS Die folgte dann ein paar Tage später mit der nun offiziellen Bestätigung: „Mit dem Modellwechsel der aktuellen E-Klasse und mit der Modellpflege der aktuellen B-Klasse wird das heutige Taxi-Paket nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Gleichzeitig betonte man, dass man aktuell die E-Klasse, die E-Klasse T-Modell, die B-Klasse, die V-Klasse, den EQV, den Vito Tourer und den eVito Tourer als Taximodelle ab Werk anbiete. Marktanalysen hätten ergeben, dass in der Personenbeförderung künftig insbesondere die Nachfrage nach geräumigen, multifunktionalen Fahrzeugen mit höherem Einstieg und bis zu sieben Sitzplätzen weiter steigen werde. „Mit unserer u WIR SIND WEITERHIN IHR VERLÄSSLICHER PARTNER! www.taxifahrzeuge.de TAXI 1. QUARTAL 2022 7

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