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Taxi Times DACH - 2. Quartal 2022

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E-TAXIS DOPPELINTERVIEW

E-TAXIS DOPPELINTERVIEW MIT DR. ANJES TJARKS UND DIRK RITTER »ES GEHT, UND SEIEN SIE MUTIG!« Das Hamburger „Projekt Zukunftstaxi“ wurde vor gut einem Jahr ins Leben gerufen. Seitdem wurden fast 200 Elektro- Taxis in der Hansestadt zugelassen, davon auch einige mit Rollstuhlausrüstung. Das finanzielle Förderprogramm wurde bislang voll ausgeschöpft. Dr. Anjes Tjarks ist Hamburgs Senator für Verkehr und Mobilitätswende. Er hat das Projekt politisch angestoßen. Dirk Ritter ist Leiter des Sachgebiets Aufsicht und Genehmigungen. Er hat das Projekt umgesetzt. Beide ziehen im großen Taxi Times-Interview Bilanz. TAXI TIMES: Herr Tjarks und Herr Ritter, durch den Erfolg des „Projekts Zukunftstaxi“ gilt Hamburg als Vorbild. Wie oft haben sich schon andere Städte nach Ihrem Erfolgsrezept erkundigt? DR. ANJES TJARKS: Bei mir persönlich an zwei sehr zentralen Orten: Einmal haben wir über das Projekt im Rahmen des World Economic Forums geredet, einem Unterforum von Davos. Zum anderen habe ich an einer von der Deutschen Telekom organisierten Taxi-Veranstaltung teilgenommen und konnte das Projekt damit an das ganze bundesdeutsche Taxigewerbe adressieren. Die Rückmeldung ist groß, das Interesse ist groß. Viele Städte haben auch bilateral nachgefragt. DIRK RITTER: Wir bekommen Nachfragen von Genehmigungsbehörden anderer Städte. Wenn wir dann schildern, wie komplex das Thema ist und wie viel Aufwand betrieben werden muss, wird erst mal geschluckt. Dann wissen alle, dass Jedes der mittlerweile 200 Hamburger E-Taxis hat als Erkennungsmerkmal einen grünen Außenspiegel. dies kein Selbstgänger ist. Man muss schon gut aufgestellt sein, um das zu machen. Nichtsdestotrotz ist das Interesse groß, das ist ein gutes Zeichen. Welche Tipps geben Sie? TJARKS: Es geht, und seien Sie mutig. Ich betone dabei auch immer, dass es die Beteiligten auch selbst wollen. Die Taxifahrerinnen und -fahrer stehen dem Thema offen gegenüber. Sie kommen aus der Praxis und merken jeden Tag, dass es funktioniert – auch, weil die Kunden danach fragen. RITTER: Das Wesentliche ist die Kommunikation mit den Playern. Ihnen gegenüber weisen wir stets darauf hin, dass dieses Projekt keine behördlich verordnete Maßnahme ist, sondern ein Projekt, das gemeinsam mit dem Gewerbe entwickelt wurde, um die Zukunftsfähigkeit der Taxibranche sicherzustellen. Es ist sehr wichtig, einen gemeinsamen Konsens zu finden, daraus eine Zukunftsstrategie zu entwickeln und dann Step by Step die Sachen einfach abzuarbeiten. Dann bekommt das eine positive Eigendynamik. Neben dem Finanztopf braucht es auch eine gut aufgestellte Behörde, um ein solches Projekt organisatorisch und verwaltungstechnisch zu stemmen. TJARKS: Ich habe hier bei meinem Amtsantritt eine Taxenbehörde vorgefunden, die nicht nur selbst mehr als in Ordnung ist, sondern die auch den Markt in Ordnung hält. Es geht ja nicht nur um die Emissionsfrage, es ging schon lange vorher um die Bekämpfung von Sozial- und Lohndumping. Das ist ein Thema, das am Anfang Marktrestriktionen hervorgerufen hat, wo im Endeffekt nun aber alle dankbar sind. Welcher Unternehmer möchte im Wettbewerb mit Leuten stehen, die eigentlich Sozialdumping betreiben? In diesem Zusammenhang hat es also auch schon in der Vergangenheit sehr viel Kommunikation der Behörde mit den Marktakteuren gegeben. Dabei haben wir gemerkt, dass auch die Taxenunternehmer, Vermittlungszentralen und Fahrerinnen und Fahrer sagen, sie müssen sich dem Thema E-Mobilität stellen. Alle wissen, dass emissionsfreies Fahren am Ende doch besser ist als Fahren mit Emissionen. Herr Ritter, wir unterstellen Ihnen mal, dass Sie und Ihre Abteilung vor dem Projekt auch schon genug zu tun hatten. Wie haben Sie das also gestemmt? FOTOS: Reuss, Henning Angerer, Freie und Hansestadt Hamburg 20 2. QUARTAL 2022 TAXI

E-TAXIS Wie sieht es herstellerseitig aus? TJARKS: Zum einen fahren schon einige eVito von Mercedes und auch das eine oder andere London Taxi von LEVC. Beide Firmen haben dieses Projekt auch begleitet. Senator Dr. Anjes Tjarks (links) und Sachgebietsleiter Dirk Ritter (rechts) RITTER: Das ist letztendlich eine Frage der Prioritäten und der Organisation. Im Rahmen der Digitalisierung, die wir im Laufe der letzten drei bis vier Jahre erlebt haben, haben wir die Abläufe verbessern können. Zudem haben wir extrem motivierte und „lustreiche“ Mitarbeiter. Alle arbeiten lieber einen Tag mehr als einen zu wenig. Das „Projekt Zukunftstaxi“ hat von Beginn an elektrisch betriebene Inklusionstaxis eingeschlossen. Wo sehen Sie das Taxigewerbe allgemein und welchen Beitrag kann es speziell beim Thema Inklusion leisten? TJARKS: Die Situation war ehrlicherweise für eine moderne Großstadt nicht trag- und hinnehmbar. Wir hatten vier Taxen für die vielen Menschen, die in Deutschland auf eine Beförderung im Rollstuhl angewiesen sind – mit der Folge, dass diese Menschen in der Punkt-zu-Punkt-Bedienung nicht mobil waren. Es ist eine Aufgabe der Politik, an diese Menschen zu denken und ihnen ein Angebot zu schaffen, das eine möglichst reibungslose Bedienung ermöglicht. Da setzt das „Projekt Zukunftstaxi“ an. Unser Ziel ist es, von den vier Taxen auf etwa 50 Inklusionstaxen zu kommen. Die Inklusions-Förderung fällt in die Zuständigkeit des Ressorts für Gleichstellung. Wie schwierig bzw. einfach war hier die Abstimmung mit der Senatorin und Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank? TJARKS: Frau Fegebank und ich haben da eine enge Abstimmung. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren und vertrauen uns zu 100 Prozent. Zudem kenne ich die Landesbeauftragte für die Anliegen von behinderten Menschen persönlich. Ich habe auch mit den Taxlern, die diese Fahrzeuge betreiben, gesprochen: Sie sehen es als menschlich erfüllenden Job, Leute zu fahren, die bisher nicht mobil waren und damit vom öffentlichen Leben in Teilen ausgeschlossen waren. Das erscheint mir als eine große Win-win-Situation und man fragt sich, warum das bisher nicht als solche erkannt worden ist. Wie ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur im vergangenen Jahr von politischer Seite aus vorangetrieben worden? TJARKS: Für uns ist wichtig, dass wir in allen Bereichen der Stadt ein Ladeinfrastruktur-Netz schaffen. Neben der Ladesäule am Flughafen haben wir mittlerweile auch im Stadtgebiet zwei Schnellladesäulen nur für Taxen eröffnet. Wenn wir 2.800 Taxen auf E-Antriebe umstellen wollen, müssen wir klar in den Markt kommunizieren, dass wir auch weitere exklusive Schnellladesäulen für Taxen zur Verfügung stellen. Unser Ziel ist es, 30 Schnellladesäulen aufzustellen, die ausschließlich für Taxifahrer sind. Können Sie uns kurz skizzieren, wie Sie das umsetzen wollen? RITTER: Wir erarbeiten gemeinsam mit den großen Vermittlern, wo sich die maßgeblichen Aufstellorte für die Hamburger Taxen befinden, damit wir bezirksmäßig die Prioritäten setzen können. Das Wesentliche ist: Wir haben uns vom Konzept verabschiedet, dass wir auf öffentlichen Plätzen nach weiteren geeigneten Plätzen suchen. Das würde dann auch in Konkurrenz zum grundsätzlichen öffentlichen Ausbau der Ladeinfrastruktur stehen, zumal solche öffentlichen Plätze in einer Stadt rar gesät sind. Also haben wir den Projektgedanken fortgedacht und gehen nun auf die Privatwirtschaft zu, indem wir diese mit Ladeinfrastrukturanbietern zusammenbringen. High Solutions und die Handelskammer sind dabei unsere Partner. Spielt die Privatwirtschaft dabei mit? RITTER: Ja, sie bejahen das, weil sie sowieso Nachhaltigkeit in ihren Statuten haben. Wenn uns beispielsweise zwei Plätze zur Verfügung gestellt werden, sorgen wir als Stadt dafür, dass dies ein Taxistand wird. Das hat am Standort Alsterdorfer Markt super geklappt, die Fläche dort gehört der Evangelischen Stiftung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir keine bisherigen Taxistände wegnehmen, sondern für neue sorgen. TJARKS: Wir glauben, dass die privaten Institutionen durchaus ein Interesse haben, das zu machen. Zum einen wegen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie und zum anderen haben Institutionen wie Krankenhäuser ein vitales Interesse, dass Taxis vor ihrer Haustüre stehen. An der Stelle ist es dann ja erst recht wichtig, wenn das Taxi dann auch Rollstühle befördern kann. TJARKS: Die Evangelische Stiftung Alsterdorf ist dafür das Paradebeispiel, denn die setzen sich federführend für die Betreuung von Menschen mit Behinderung ein. Danke für das Interview. TJARKS: Ich bedanke mich auch bei Ihnen für Ihre Mitwirkung als Projektpartner. TAXI 2. QUARTAL 2022 21

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