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Taxi Times DACH - 4. Quartal 2021

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POLITIK MEHR FORTSCHRITT

POLITIK MEHR FORTSCHRITT MIT TAXI Deutschland hat eine neue Regierung – mit einem SPD-Kanzler, einem grünen Wirtschafts- und Klimaminister und einem FDP-Verkehrsminister. Was bedeutet das für die Taxibranche? Die drei Parteien haben Wort gehalten: Anfang Dezember wurde Olaf Scholz vom Parlament zum neuen Bundeskanzler gewählt. Rund zwei Wochen zuvor hatten die SPD, die Grünen und die FDP einen Koalitionsvertrag vorgelegt. Er steht unter dem Motto „Mehr Fortschritt wagen“ und soll ein „Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ sein. Auf insgesamt 177 Seiten sind darin die politischen Zielsetzungen formuliert, mit der die drei „Ampelparteien“ die nächsten vier Jahre gemeinsam regieren wollen. Die Mobilität, so heißt es darin, sei ein zentraler Baustein der Daseinsvorsorge, Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschafts- und Logistikstandorts Deutschland mit zukunftsfesten Arbeitsplätzen. Die Ampelkoalition setzt dabei vornehmlich auf Elektrotechnik. „Wir machen Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität, zum Innovationsstandort für autonomes Fahren und beschleunigen massiv den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur. Unser Ziel sind mindestens 15 Millionen vollelektrische Pkw bis 2030“, heißt es im Koalitionsvertrag. Erhöht werden soll auch der gesetzliche Mindestlohn – auf künftig zwölf Euro in „einer einmaligen Anpassung“. Die Höchstverdienstgrenze für Midi-Jobs steigt auf 1.600 Euro und die Minijob-Grenze orientiert sich an einer Wochenarbeitszeit von zehn Stunden zu Mindestlohnbedingungen. Sie wird dementsprechend mit Anhebung des Mindestlohns auf 520 Euro erhöht. KRITIK AM MINDESTLOHN Dieser Punkt wurde vom Taxi- und Mietwagenverband (TMV) in einem ersten Statement unmittelbar nach Bekanntwerden des Koalitionspapiers kritisiert. „Die Haltung der künftigen Bundesregierung beim Mindestlohn halten wir für falsch“, sagt dazu der TMV-Geschäftsführer Patrick Meinhardt. „Auf einen Schlag den Mindestlohn auf 12 Euro zu erhöhen, ist eine erhebliche Belastung für den gesamten Mittelstand und damit auch für alle Taxi- und Mietwagenunternehmer. Jetzt hoffen wir nur auf die Einsicht der Koalitionäre, dass dies wenigstens erst zur Mitte des Jahres geschieht, da im Koalitionsvertrag kein Datum erwähnt ist.“ Mit der Erhöhung der Verdienstgrenze für Minijobber auf 520 Euro habe die Ampelkoalition den richtigen Weg eingeschlagen, auch wenn man als Verband 550 Euro gefordert habe. Der Bundesverband Taxi und Mietwagen (BVTM) findet die Taxibranche in den Zielen und Plänen der künftigen Regierung sehr gut wieder: „Das Taxigewerbe in Deutschland setzt auf die Themen Innovation, Elektrifizierung und Vernetzung mit dem ÖPNV. Für unseren Kurs gibt uns der Koalitionsvertrag Rückenwind“, sieht sich BVTM-Präsident Herwig Kollar bestätigt und blickt in die Zukunft: „In vielen Fällen wird es auf die konkrete Umsetzung der im Koalitionsvertrag formulierten Pläne ankommen. Hier wird das Taxigewerbe konstruktiv an Lösungen mitarbeiten. Wo Herausforderungen im Koalitionsvertrag noch nicht so deutlich formuliert werden – wie etwa bei den Auswirkungen der Plattformökonomie auf die Realwirtschaft –, werden wir diese Hinweise aus der Praxis in die Politik tragen.“ Dabei wird es in erster Linie darauf ankommen, wie sich ein von der FDP geführtes Verkehrsministerium gegenüber dem Taxi positionieren wird. Die spannende Frage aus Taxisicht wird sein, ob der neue Minister Dr. Volker Wissing auf Parteilinie bleiben wird und zum Flügel derjenigen zählt, die Digitalisierung mit Deregulierung gleichsetzen. Diese Position hatten zahlreiche FDP-Parteipolitiker in den Verhandlungen zur Novelle des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) vertreten. Hätte man sich damit durchgesetzt, hätte die PBefG- Novelle das Taxigewerbe und somit die mobile Daseinsvorsorge der Gesellschaft zerstört. Haupt-Profiteur einer solchen „Lex Uber“ wäre der US-Fahrtenvermittler gewesen, der mit juristisch nachgewiesenen Rechtsbrüchen den Markt der individuellen Personenbeförderung auf Basis freier Marktwirtschaft übernehmen will. Zur Erinnerung: Uber agiert in Deutschland unter anderem in Kooperation mit der SafeDriver Ennoo GmbH. Das Unternehmen sorgt als Generalpartner dafür, dass die gerichtlichen Auflagen an eine rechtskonforme App-Vermittlung zumindest auf dem Papier eingehalten werden. SafeDriver Ennoo ist ein Unternehmen der BILDER: Freepik.com 12 4. QUARTAL 2021 TAXI

POLITIK TAXI SafeDriver Group, und diese wiederum ist seit dem 1. Juni 2017 Mitglied der Ceterum-Holding, die als Gesellschafter mit 74,9 Prozent am Unternehmen beteiligt ist. Jene Ceterum-Holding zählte im Jahr 2017 zu den Großspendern der FDP – und somit im Jahr der damaligen Wahl einer Bundesregierung, die dann ja bekanntermaßen die Novelle des PBefG umgesetzt hat –, allerdings ohne nennenswerten Einfluss der FDP, die nach der Wahl auf eine Regierungsbeteiligung verzichtet hatte. FREIHEITLICHE MOBILITÄTSVORSORGE Nun aber leitet die FDP das Bundesverkehrsministerium und hätte damit die Position, eine „alte Bringschuld“ doch noch zu begleichen, indem man beispielsweise die PBefG-Novelle im Sinne von Uber & Co. aufweicht. Ein konkreter Auftrag dazu ist nicht vorhanden, zumindest steht dazu nichts im Koalitionsvertrag. Es wäre aufgrund der offensichtlichen Verknüpfung zur Ceterum-Spende politisch auch nicht sehr klug. Der neue Verkehrsminister Volker Wissing wird sicherlich weitsichtig genug sein, das in seine Überlegungen einzubeziehen. Er wird als Vertreter einer freiheitlichen Partei auch wissen, dass eine Gesellschaft, deren mobile Daseinsvorsorge durch ein geschwächtes Taxigewerbe gefährdet wäre, dies als freiheitsbeschränkend empfinden würde. Die Vertreter der Taxibranche sind hier sicherlich aufklärend tätig. Insofern kann es durchaus vorteilhaft sein, dass der Taxi- und Mietwagenverband in diesem Jahr mit Patrick Meinhardt einen Geschäftsführer ernannt hat, der als aktives FDP-Mitglied und ehemaliger Bundestagsabgeordneter viele FDP-Politiker persönlich kennt, mit ihnen sogar per Du ist, unter anderem auch mit Volker Wissing. In einem persönlichen Gratulationsschreiben hat Meinhardt dem „lieben Volker“ eine glückliche MEHR ZUM THEMA Koalitionsvertrag: Die Statements der Taxiverbände Verkehrsminister Volker Wissing: Pro Taxi oder in der Bringschuld von Uber? Hand, viel Kraft und Begeisterung für die herausfordernde Aufgabe gewünscht und ihm auch gleich eine erste Bitte unterbreitet: „Bei der kleinen Fachkunde und bei der Frage einer Prüfung hat das Verkehrsministerium bislang schlicht und ergreifend versagt. Allein fast sechs Monate hat es gebraucht, bis durch viel Druck überhaupt ein runder Tisch mit den Verbänden stattgefunden hat. […] Nimm Dich dieses für das Taxi- und Mietwagenwesen wichtigen Themas an, damit wir hier sobald als möglich eine wirklich gute Lösung erzielen.“ Für den BVTM hingegen spielt der künftige Fahrzeugantrieb eine große Rolle. Er äußerte sich zu den Zielen der Bundesregierung, bis 2030 fünfzehn Millionen vollelektrische Pkw auf der Straße zu haben. „Der vom Bundesverband vorgelegte Bundesfahrplan E-Taxi (siehe Seite 22) passt hervorragend in die Agenda der kommenden Koalition“, sagt BVTM-Präsident Herwig Kollar. „Das Taxigewerbe steht bereit, seinen Beitrag zu leisten, dass die künftige Bundesregierung diesem Anspruch gerecht wird und die formulierten Ziele erreichen kann.“ Mitentscheiden über die im Bundesfahrplan E-Taxi vorgeschlagene degressive Förderung ab 15.000 Euro wird wahrscheinlich der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck. An ihn richtet sich auch eine Forderung des BVTM, die man unmittelbar nach Bekanntwerden des Koalitionsvertrags formuliert hat: „Um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit einem guten Mobilitätsangebot sicherzustellen, sollen laut Koalitionsvertrag pandemiebedingte Einnahmeausfälle im ÖPNV ausgeglichen werden. Für uns ist klar: Das darf nicht nur für Bus und Bahn gelten, sondern selbstverständlich auch für das Taxi.“ Der Begriff Taxi taucht im Koalitionsvertrag auf den 177 Seiten nicht einmal auf. Die neue Regierung wird allerdings bei ihren Fortschrittsplänen das Taxigewerbe immer auf dem Zettel haben müssen. jh TAXI 4. QUARTAL 2021 13

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