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Taxi Times DACH - Juni 2018

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Experte Hein Maas:

Experte Hein Maas: „Die Möglichkeiten, Fahrer für Fehlverhalten zur Verantwortung zu ziehen, sind durch die Marktfreigabe auf null gesunken.“ DIE LEKTIONEN DER NIEDERLÄNDER Welche Folgen die Deregulierung für die Niederlande hat und wie jetzt gegengesteuert wird, berichtete der unabhängige Kommunalberater Hein Maas auf der Taxi & Mobility Update 2018. Die Deregulierung des Taxi- und Mietwagenmarktes im Jahre 2000 habe nicht die gewünschten positiven Effekte für den Kunden gebracht, so Maas. Ihr Kernstück war die völlige Freigabe der Anzahl von Lizenzen, die Einführung einer Tarif-Höchstgrenze und viele andere „Erleichterungen“ wie der Wegfall der Ortskundeprüfung. „Mehr Wagen, mehr Fahrer, mehr Probleme.“ Die negativen Auswirkungen würden überwiegen, so Maas, und das sowohl für den Kunden wie auch für die Städte und Anwohner und nicht zuletzt für die Fahrer. Die Freigabe habe zu einer Schwemme von Taxis geführt. Amsterdam (850 000 Einwohner) habe heute offiziell etwa 4 000 lizenzierte Taxis, hinzu kämen mindestens 2 000 Taxis, die man in Deutschland als Mietwagen bezeichnen würde. Sie Die blauen Kennzeichnen der Taxis beherrschen, wie hier in Amsterdam, neben den Fahrrädern das Straßenbild. sind für UberX oder andere unterwegs. Mindestens 1 000 Privatfahrzeuge gingen außerdem illegal der Personenbeförderung nach. Die Wagen verteilten sich dabei nicht über das gesamte Stadtgebiet, sondern konzentrierten sich vor allem auf den Unterhaltungs- und Rotlichtbezirk und sorgten dort für erhebliche Probleme. Maas hält es für möglich, dass bald bis zu 10 000 Fahrzeuge die Stadt verstopfen könnten. SCHLECHTES VERHALTEN Die Möglichkeiten, Fahrer für Fehlverhalten zur Verantwortung zu ziehen, seien durch die Marktfreigabe auf null gesunken. Das habe laut Maas zu einer Verschlechterung des Verhaltens geführt. Kurzstrecken würden immer häufiger abgelehnt, Umwege gefahren, Kunden schlecht behandelt, die Fahrer seien ortsunkundig und würden kaum niederländisch sprechen können. An Taxiständen müssten Kunden den Preis verhandeln und würden eingeschüchtert. Bedrohungen und Prügeleien der Taxifahrer untereinander seien keine Seltenheit. Es gäbe zwar eine Beschwerde-Hotline für Fahrgäste, aber ein einheitliches, digitales Ratingsystem für Taxis würde Maas bevorzugen. Das ließe auch positive Bewertungen zu. Die Versorgungssicherheit auf dem Lande sei schon lange nicht mehr gewährleistet, berichtete eine gut informierte Quelle, die anonym bleiben wollte, unserer Zeitschrift während der anschließenden Kaffeepause. Der Zustand des Gewerbes sei „katastrophal“. Zwischenzeitlich wurde versucht, nachzubessern, indem man das entsprechende nationale Gesetz 2012 wieder änderte. Viele Städte haben TTOs eingeführt. Das sind behördlich lizenzierte Taxizentralen, denen ein Taxi angehören muss und die sich einer internen Qualitätskontrolle unterwerfen müssen. In Amsterdam gibt es acht dieser TTOs. Das System sei okay, findet Maas, aber es müsse besser werden. Auch kleinere Städte führten viele der alten Regeln wieder ein: Ortskundeprüfung, Kennzeichnungspflicht und Identifizierung der Fahrer. In Zusammenarbeit mit den TTOs soll auf den Taxiplätzen für Ordnung gesorgt werden. Maßnahmen, die dem geübten, ortsansässigen Kunden helfen mögen, aber nicht dem Touristen, der nicht weiß, welchem Anbieter er trauen kann. Ein Gutachten kam 2017 zu dem Schluss: Auch die gesetzlichen Nachbesserungen von 2012 konnten die meisten negativen Effekte der Deregulierung für die Städte nicht auffangen. Die neuen Regeln haben vor allem einen alles entscheidenden Nachteil: Sie gelten nur für lizenzierte Taxis, aber nicht für Taxis, die für Uber und andere App-Anbieter eingesetzt werden. Uber-Fahrer nehmen auch illegal auf der Straße Passagiere auf. FOTOS: Taxi & Mobility Update 2018, Philipp Rohde 16 JUNI / JULI / 2018 TAXI

TAXI INTERNATIONAL VOLLELEKTRISCHE TAXI-FLOTTEN: TRÄUMEREI ODER ÖKONOMISCHE OPTION? Amsterdam möchte alle Taxis bis 2025 elektrifizieren. Schon heute fahren dort über 1 200 Taxis elektrisch, mehrheitlich Tesla. Dieser Erfolg gründet sich auf vielen Säulen. So gab es durchaus die Nachfrage; vor allem bei Firmen, die etwas für ihr Image tun können, wenn sie für ihre Kunden und Geschäftspartner emissionsfreie Teslas bestellen. Anwohner und Gewerbetreibende waren gleichermaßen abgestoßen von den Auswirkungen der Marktfreigabe (siehe nebenstehender Beitrag). Die Taxi-Organisationen (TTOs) entdeckten ein neues Qualitätsmerkmal für sich: lokal emissionsfreie Taxis. Der erste Schub kam 2014 vom Amsterdam Airport Schiphol, der in seiner Taxi-Ausschreibung emissionsfreie Fahrzeuge forderte. Den Zuschlag bekamen drei Taxibetriebe mit 167 Teslas. Vorfahrt für E-Taxis an den Halteplätzen Was folgte, war ein Kraftakt: Zunächst einmal sind da die hohen Investitionen, sowohl für die Ladestationen wie auch für die teureren Wagen. Die Schnellladestationen konnte TCS Schiphol nur auf einem privaten Gelände unterbringen. Auch in der Stadt mussten Stationen geschaffen werden, die Taxis vorbehalten bleiben. Ohne die Bereitschaft der Taxiunternehmer und Behörden gleichermaßen wäre es nicht gelungen. E-Taxis und an zweiter Stelle LPG-/CNG-Taxen bekamen an den wichtigsten Halteplätzen Vorfahrt. Am Flughafen tauchen zwischen den E-Taxis fast nur noch Kleinbusse als Dieselfahrzeuge auf. Die Taxizentrale Schiphol (TCS) konnte beim Stromlieferanten günstige Konditionen aushandeln. Auch die Fahrer mussten sich umstellen. Ihnen wird ein Training auf elektrischen Fahrzeugen angeboten. Unter dem Namen „Cabbie“ können sich Fahrer jederzeit fahrbereit aufgeladene Taxis mieten und zahlen nur für deren Benutzung. Bleibt letztendlich die betriebswirtschaftliche Seite: Obwohl die Anschaffungskosten für einen Tesla sehr hoch ausfallen, fährt er das wieder ein. El Bouakili rechnet vor, dass bei einer jährlichen Laufleistung von 80 000 km der Tesla 0,25 Eur/km kostet, eine Mercedes E-Klasse aber 0,28. Auf eine Lebensdauer von fünf Jahren Gamis el Bouakili, Managing Director von Schipholtaxi, der bezogen erwirtschaftet größten Elektrotaxi-Flotte Europas, der Stromer 12 000 Euro teilt seine Erfahrungen. mehr. prh Sie umfassen auch nicht einen der wichtigsten Punkte: Die Zahl der Taxilizenzen ist weiterhin nicht begrenzt. Sie sind relativ leicht zu bekommen, und davon wird häufig Gebrauch gemacht. Die Wagen verstopfen mittlerweile die Straßen der Städte und belästigen die Anwohner durch Lärm und Abgase ganz erheblich. Den Kommunen fehlt immer noch die Handhabe, die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge zu begrenzen, und sie gehen jetzt dazu über, die Zufahrt von einzelnen Gebieten mit aufwendigen technischen Systemen einzuschränken. Die Selbstkontrolle der TTOs sollte durch die Behörden weiter gefördert werden, fordern die Gutachter in ihren Empfehlungen. Die Zusammenarbeit mit den Behörden und der Behörden untereinander soll verbessert und digitalisiert werden. Die Kommunen und Städte benötigten die rechtlichen Ermächtigungen, Taxis und den gesamten Markt kontrollieren zu können. Zur Verbesserung des Dienstleistungsniveaus schlagen sie auch die Einrichtung eines einheitlichen, digitalen Ratingsystems für Unternehmen und Fahrer vor. Die Anzahl der eingesetzten Taxis in einem Gebiet sollte unbedingt der Nachfrage angepasst werden. Wie das umgesetzt werden kann, da gäbe es wohl noch Forschungsbedarf. Letztendlich, so war deutlich zu vernehmen, kann vor einer so weitgehenden Regulierung nur gewarnt werden. prh

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