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Taxi Times DACH - November/Dezember 2019

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WETTBEWERB Nun ist Uber

WETTBEWERB Nun ist Uber also auch in Stuttgart – und nebenbei auch noch im ländlichen Umfeld. UBER IN STUTTGART UND IM LÄNDLE Als gäbe es keine Verbotsverfahren und täglichen Rechtsverstöße, expandiert Uber einfach weiter. Inzwischen ist man auch in Stuttgart gestartet. Dort antwortet die Taxibranche auf vielfältige Art und Weise. Am 13. November wurde die Neuigkeit des Uber-Starts in Stuttgart öffentlich gemacht. Seitdem bietet Uber seinen Service in sieben deutschen Städten an – und dringt gleichzeitig auch noch in den ländlichen Bereich vor, denn neben der baden-württembergischen Hauptstadt wird der Dienst auch in den Landkreisen Enzkreis, Pforzheim, Calw, Böblingen, Tübingen, Ludwigsburg, Rems-Murr-Kreis und Esslingen angeboten. Mit wie viel Fahrzeugen Uber die Vermittlung in Stuttgart aufgenommen hat, ist bislang unklar. In der Nachrichtensendung „SWR Aktuell“ wurde die Zahl 200 erwähnt. Der Uber-Pressesprecher Tobias Fröhlich will sich aber nicht darauf festlegen lassen. Darüber hinaus bietet Uber in Stuttgart auch die Option an, über die App ein Taxi zu buchen. Speziell darüber empörten sich die Taxi Times-Leser in verschiedenen Leserkommentaren. So schrieb Evelyne aus München: „Ich kann nicht verstehen, dass das Taxigewerbe in manchen Städten mit Uber zusammenarbeitet.“ Die Stuttgarter Taxi Auto Zentrale (TAZ) sieht Uber in Stuttgart kritisch. Die Konkurrenz wird zwar nicht gefürchtet, aber wie Vorstandsmitglied Iordanis „Danis“ Georgiadis gegenüber den Medien erklärte, konnte mit dem Start der Uber-App in Stuttgart ein Umsatzrückgang von 15 Prozent vermerkt werden. Dieser Verlust könne besonders für Einzelfahrer existenzbedrohend werden. Da man in Stuttgart ebenso wie in den anderen Uber-Städten eine massive Missachtung der Rückkehrpflicht fürchtet, hat man kurz nach dem Uber-Start Kontrollgruppen gebildet und begonnen, Testfahrten zu machen. Ähnlich wie in Köln oder Düsseldorf will man damit gerichtsfeste Beweise der Verstöße durch die Uber-Partner sammeln. Uber bekämpfen ist die eine Seite. Sich parallel als verlässlicher Partner auch für Sonderaufgaben zu beweisen, ist ebenso wichtig. Bei einer Musicalpremiere Anfang November wurden die Promis wie gewohnt bis vor den Eingang gefahren. Nur waren es diesmal keine schwarzen Mietwagenlimousine, sondern Limousinen mit Taxidachzeichen. Organisiert von der TAZ standen dafür zehn Taxis den ganzen Tag über zur Verfügung und chauffierten die Gäste zwischen Flughafen, Hotel und Musical hin und her. Promis wie der Musiker Dieter- Thomas Kuhn oder der „Tatort“-Schauspieler Richy Müller konnten so einmal mehr erfahren, dass das Taxi „verlässlich und modern“ ist. sg VOM REGEN IN DIE TRAUFE Der Start von Uber in Stuttgart ist umso verwunderlicher, da kurz zuvor der Ride- Sharing-Dienst CleverShuttle dort seinen Dienst von einem Tag auf den anderen eingestellt hat. CleverShuttle begründete den Schritt mit „bürokratische(n) Hindernisse(n) durch das veraltete Personenbeförderungsgesetz“. Interessant ist aber auch, dass im April dieses Jahres CleverShuttle noch seine Flotte von damals 15 auf 100 Fahrzeuge ausweiten wollte. Dies wusste die Stadt Stuttgart jedoch zu verhindern. In der Konsequenz hat sich CleverShuttle jetzt gegen den Standort Stuttgart entschieden. Gemeinsam mit dem Anteilseigner, der Deutschen Bahn, wolle man sich um die betroffenen Mitarbeiter kümmern. Die Taxi Auto Zentrale Stuttgart reagierte auf das Aus postwendend: Allen betroffenen CleverShuttle-Fahrern wurde angeboten, den von der Taxizentrale durchgeführten Vorbereitungskurs zur Ortskundeprüfung kostenlos durchzuführen. sg „Adele, CleverShuttle!“ FOTO: Uber, CleverShuttle 18 NOVEMBER / DEZEMBER / 2019 TAXI

WETTBEWERB UBER SCHNUPPERT LANDLUFT Spätestens seit dem 4. November dürften die Taxiunternehmer im ländlichen Raum wachgerüttelt worden sein, denn Uber ist jetzt auch abseits der Großstadt angekommen. Kirchheims Erster Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) lässt sich vor den Marketing- Karren spannen. Mit Preisdumping auf Kundenfang. FOTO: Uber In einer medienwirksamen Pressemitteilung wurde die „frohe“ Botschaft verkündet: Uber bietet seinen Service nun auch im Münchner Speckgürtel an. Um das neue Angebot zu pushen, kosten Fahrten innerhalb der Gemeinde Kirchheim und vier umliegenden Ortschaften lediglich fünf Euro. Eine weitere Pauschale bietet Uber Nachtschwärmern an, die zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens von Kirchheim nach München und umgekehrt fahren wollen. Diese Touren werden zum Schnäppchenpreis von 15 Euro angeboten. Mit dem Taxi kosten sie mehr als doppelt so viel. Noch ist das „Kirchheim-Projekt“, wie es Uber selbst nennt, auf drei Monate angelegt und wird als Ergänzung zum ÖPNV dargestellt. Uber bekommt dabei von Kirchheims Erstem Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) Unterstützung: „Uber kann eine gute Alternative zur individuellen Einzelnutzung des Pkw sein, weil einen solchen Service in der Regel pro Fahrt mehr als eine Person nutzt. Das ergänzt unseren ÖPNV und ein Großteil der Uber-Flotte ist auch bereits elektrifiziert.“ Böltl, der in seinem Amt an einem sogenannten „Smart Mobility-Projekt“ arbeitet, hat sich mit dieser Aussage politisch klar positioniert und erntete bereits die ersten kritischen Reaktionen aus Reihen der Opposition und natürlich des Taxigewerbes. Vertreter der örtlichen SPD haben in einer Pressemitteilung vorgerechnet, warum die Sonderangebote betriebswirtschaftlich gesehen nicht funktionieren können. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ steht für die SPD unter dem Nenner ein deutliches Ergebnis. „Für die schwarze Null braucht es da pro Tag deutlich über 20 Nacht- beziehungsweise über 65 Ortsfahrten.“ Auch von der anderen politischen Seite kommt Gegenwind. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Tessa Ganserer hat sich gegenüber Taxi Times pro Taxigewerbe positioniert und betonte auch in der Presse: „Uber handelt hart an der Grenze der Legalität.“ Und weiterhin: „Die Konzerne steigen mit Dumpingpreisen in den Markt ein, mischen ihn auf und ziehen dann später richtig an, wenn die Konkurrenz in die Knie gegangen ist. […] Wir dürfen den ÖPNV nicht dem freien Markt überlassen.“ SKEPSIS BEI DER TAXIBRANCHE Frank Kuhle von der Taxi-München eG hat sich in der „Abendzeitung“ skeptisch geäußert: „Wir haben Bedenken, gerade bei diesem Anbieter, ob der Wettbewerb mit den richtigen Mitteln geführt wird.“ Das Taxi als Teil des ÖPNV und der Daseinsvorsorge wird durch die Festpreise mit Füßen getreten. Es ist scheinbar eine Farce, aber der Uber-Unterstützer Bürgermeister Böltl hat sich sogar dazu hinreißen lassen, Uber als Helfer der „Schwachen“ darzustellen: „Ob eine Fahrt zum Facharzt in der Nachbarschaft für die Älteren oder die Heimkehr von der Partynacht in München für die Jüngeren: Probieren wir es aus.“ Ob die bisherige Diskussion um Uber & Co. an Herrn Böltl völlig vorbeigegangen ist? Für Uber indes ist die Welt in Ordnung. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, zog Uber-Deutschland-Chef Christoph Weigler im Kirchheimer Gemeinderat die erste Bilanz. Innerhalb der vergangenen vier Wochen sollen bereits über eintausend Fahrten durchgeführt worden sein. Laut dem Uber-Chef hätte das Ergebnis auch viel besser ausfallen können, denn man hätte lediglich 70 Prozent aller angefragten Fahrten ausführen können. Auf die Frage, ob der Preis auch nach der Testphase so niedrig bleiben werde, räumte Weigler ein, dass künftig neue Entgeltkonzepte erarbeitet werden müssten. Auch seien Gespräche mit dem Taxigewerbe wegen etwaigen Kooperationen geplant. Ob solche Gedankenspiele auch seitens der ortsansässigen Taxibetriebe auf Interesse stoßen, darf bezweifelt werden. sg TAXI NOVEMBER / DEZEMBER / 2019 19

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